"Der Schimmelreiter"

nach Theodor Storm
(John von Düffel)

Theater Lüneburg
Textbearbeitung: Martin Pfaff, Katja Stoppa
Bühne und Kostüme: Barbara Bloch
Musik: Stefan Pinkernell
Darsteller: Ulrike Gronow, Claudia Grottke, Matthias Herrmann, Fabian Kloiber, Sigrid Messner, Gregor Müller, Philip Richert, Martin Skoda, Beate Weidenhammer
Premiere: 4. Mai 2013

Ein klares theatrales Bekenntnis zum Erzählen der historischen Legende als immer gültiger Spiegel zu ungelösten Sisyphos-Aufgaben der Menschen: Wie geht man um mit den Träumen, Fragen, Ängsten der (jeweils) Anderen? Wie erlangt eine gute Sache Gestalt? Wie nicht? Wieso gerät der Held vom träumerischen Visionär zum asozialen Bau-Leiter? - Ein Chor (eine Erzählgemeinschaft) schildert die Ereignisse um das Fortschritts-Projekt des vor dem Meer schützenden neuartigen Deich-Baus. Jeder der Choristen hat eine eigene Perspektive auf die Dinge (begleitet erzählend die Handlung oder spielt eine bis drei Rollen) und hat doch ein und dasselbe Problem: die Angst vor der Sturmflut, der tödlichen Gefahr. Nur der Ansatz zur Bewältigung ist unterschiedlich: Die einen versuchen, das Unheil mit Aberglauben oder Durchhalteparolen abzuwenden, die anderen meinen, bestehende Strukturen verändern zu müssen und zu können. Wer hat Recht? Der Konsens durch Dialog wäre die wirkliche Garantie für ein Überleben. Doch dazu sind alle Dorfbewohner zu stark in ihrem eigenen Kosmos eingekapselt.

"Für die berühmte Storm-Novelle hat Martin Pfaff im Theater Lüneburg ein formal wie inhaltlich bestechendes Konzept gefunden. (...) Die Deichbauern und ihre Frauen bilden einen Chor der Erzähler, das allein gibt dem Abend schon archaische Wucht. Immer wieder treibt der Chor das Geschehen synchron voran. Immer wieder treten die Figuren aus ihren Rollen und erzählen aus ihrer Sicht die Geschichte vom klugen, aber misstrauisch beäugten Burschen Hauke Haien (...). Auf die Bühne hat Ausstatterin Barbara Bloch eine Art Erzählkiste gesetzt, ein Symbol für den Deich und zugleich für die Enge des Lebens, gegen die sie vergeblich anrennen. Dahinter wabert der Nebel weiß und grau und pechschwarz, er hüllt die Bühne, auch die Menschen in gespenstische Bilder. Die genau gearbeiteten historischen Kostüme und die oft in Satzbau und Wortwahl altertümelnde Sprache unterstreichen noch die Rollen und Hierarchien der Männer und Frauen. - Das Geschehen aus Erzählung und Dialog löst Martin Pfaff laufend auf: mit suggestiver Musik und Klangcollagen voll Glucksens und Grummelns, geschrieben von Stefan Pinkernell. Mit choreographierten Szenen, wenn zum Beispiel die Arbeiter den neuen Deich bauen. Oder wenn der Schimmel über die Bühne springt, wenn sich die Menschen in eine Ecke kauern. Es ist eine unheimliche Welt, die sich auftut, eine, in der die krumme Alte Hexereien anbringen will, und in der stumpfe Gewalt lauert. Bei Pfaff bricht sie sich in Worten Bahn, sie wird - recht oft - hinausgebrüllt in die Welt, aus der es kein Entrinnen gibt. Es sei denn, in den Wahn, in dunkle Rituale, in den Suff. - Alles ist durchdacht in dieser so intellektuellen wie poetischen Inszenierung. Wenn sich die hintere Wand der Erzählkiste senkt, verkörpert sie den neuen Deich, der sich nicht wie eine Mauer gegen das Meer stemmt, sondern leicht ansteigend die Flut ins Leere auslaufen lässt. Das Fallen der Wand symbolisiert aber auch, wenn nur der Nebel nicht wär', dass der Blick ins Weite gehen und neuen Ideen Raum geben kann. - Pfaff, der in Lüneburg zuletzt "Ladies Night" in Szene setzte, hat ein Ensemblestück gebaut. Hauke Haien, den Fabian Kloiber verkörpert, wird nur soweit hervorgehoben, wie es die Geschichte fordert. Kontur gewinnen alle Figuren, (...) komplettieren das Team, das diesen Abend zu einem fesselnden und fordernden Stück Theater großer Kraft führt. Langer Beifall."
(Landeszeitung)

"Damit nimmt Pfaff zum bitteren Ende noch einmal die Technik des chorischen Sprechens auf, die schon am Beginn seiner Inszenierung steht. Der Chor der Dorfbewohner beschreibt das Phänomen des Schimmelreiters als Geisterreiter. Es folgt die genial auf zwei Sätze eingedampfte Rahmenhandlung "Nur eine Geschichte..." "Eine Geistergeschichte!". Mehr braucht das Theater nicht. Das atmosphärisch dichte Bühnenbild von Barbara Bloch erzählt in drei senkrechten, plankenbesetzten, algenbewachsenen, fischernetzbewehrten Deichwänden die ganze Welt. Die hintere Kulissenwand wird schließlich, abgesenkt, zum neuen Deich. Ab und zu wabert ein Nebel drüber hinweg, fertig ist die Küste. - In diesem einen starken Bild entfaltet Regisseur Pfaff die Novelle mit regelmäßig wiederkehrenden Gestaltungselementen. Der Einstieg in einen neuen Erzählabschnitt erfolgt jeweils mittels einer kurzen Pantomime. So sieht das Publikum, wie Hauke von seinem Vater (solide: Matthias Herrmann) das Messen lernt, indem er ihm nachstapft, in seine Fußstapfen tritt, bis er ihn schließlich mit der Zeichnung von Luftschlössern, beziehungsweise Luftdeichen per Fingerzeig überflügelt. So erfahren die Zuschauer gleichzeitig mit Hauke auch von seiner Elke (engagiert: Sigrid Meßner), der es im passenden Moment die Sprache verschlagen hat, dass sie schwanger ist. Am Ende warnt allerdings eine Gestalt mit Südwester in einer Art Tai-Chi-Tanz vor dem dräuenden Untergang vermutlich der Figur des Arbeiters bei Storm nachempfunden, die dem Deichgrafen Hauke Haien den letzten Wink seines Lebens gibt. "
(Die Welt)

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