"Die Orestie (revisited)"

(Martin Pfaff, UA)

Lokremise / Theater St. Gallen
Bühne und Kostüme: Mathias Rümmler
Musik: Stefan Pinkernell
Spiel: Matthias Albold, Diana Dengler, Catriona Guggenbühl, Oliver Losehand, Bruno Riedl, Marcus Schäfer, Anja Tobler
Premiere: 27. April 2021

Was kann man machen in einer Welt, in der die Alarmsirenen heulen (als Gesellschaft und als Individuum)? Was für eine Art Theater kann man da machen (oder nicht)? Geht business as usual oder muss man neue Wege wagen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich panisch der Chor der Orestie, der sich nicht mehr zutraut, selbstvergessen und naiv eine werktreue Acht-Stunden-Fassung der ältesten Tragödien-Trilogie der Menschheit aufzuführen bzw. zu reproduzieren. Verschiedene Formen werden ausprobiert wie Hörspiel, Tableau Vivant, Multimedia-Theater oder antikes Reenactment. Das Publikum stimmt darüber ab, was am besten gefällt. Der Chor sucht den gemeinsamen Ton. Monologe konkurrieren um den Überblick über die Narrative und das Chaos. Eine Tragikomödie über Identität und Haltung in Krisenzeiten. Eine Farce über den Menschen im Riss zwischen egoistischer Barbarei und dem Traum von der demokratischen Zivilgesellschaft. Eine heutige Wiedergeburt des Satyrspiels von Aischylos, das verlorenging vor 2500 Jahren.

"Acht Stunden Theater am Stück? Bis vor kurzem hätte man tatsächlich Zeit gehabt für einen solchen Marathon: War ja sonst nichts los. Aber eben auch kein Theater offen. Und zur besten Sendezeit hatte der Normalmensch bereits einen Achtstundentag am Bildschirm hinter sich und keine Lust mehr auf Schauspiel im Livestream. Auch nicht auf die grossen Fragen der Menschheit, Fragen wie «Wer wollen wir sein?» oder «Kann Theater die Welt retten?» Doch keine Sorge: Die «Orestie» frei nach Aischylos, also die Tragödie rund um den siegreich aus Troja heimkehrenden Helden Agamemnon und seine Ermordung durch die rachsüchtige Gattin Klytaimnestra, dauert in der aktualisierten Version von Martin Pfaff nur knapp neunzig Minuten. Und das nicht nur deshalb, weil Schauspielerin Diana Dengler so rekordverdächtig schnell spricht, dass das coronabedingt entschleunigte, theaterentwöhnte Hirn in den ersten Minuten ziemlich gefordert ist. Kurz auf Pause drücken oder nochmal zurück auf Anfang setzen geht eben nicht. Gut also, dass auch die Lokremise als geistiges Fitnesscenter nun wieder in Betrieb sein darf. (…) «Revisited», «überarbeitet» präsentiert sich jetzt nicht nur der uralte mythische Stoff der Atriden-Sage, sondern auch die zunächst geplante Version 2020: Sie wäre aufs Grosse Haus zugeschnitten gewesen. Entstanden ist daraus im zweiten Anlauf eine intime Antikenrevue mit Witz und Tiefsinn, sehr nah an Zeitfragen, aber immer ironisch gebrochen. Hier wird nicht die Story szenisch umgesetzt, sondern permanent hinterfragt. Die Ausstattung von Mathias Rümler trägt extra dick auf, mit Säulen auf einem hehren Bühnenrund und Kostümen wie für einen monumentalen Antike-Film –dies nicht zuletzt, weil das ganze «auch ein bisschen Spass machen» soll. Ein intellektuelles Vergnügen stellt sich durchaus ein. Kopfarbeit, Katharsis, Weltverbesserung –alles erwünscht. Wer bildungsmässig etwas hinterherhinkt und versäumt hat, mindestens auf Wikipedia schnell die Basics nachzulesen (dazu macht Diana Dengler sehr entlarvend in ihrer rasanten Anmoderation die entsprechende Wischbewegung mit dem Zeigefinger), hat Glück: Es gibt zunächst so etwas wie eine kurze Hörspielfassung, von der Belagerung Trojas bis zum bitteren Ende. Da darf Matthias Albold dann beispielsweise kurz andeuten, wie man den Agamemnon heute verkörpern könnte: ambivalent, als Manager statt mit Brustpanzer. Beides wirkt in dem Moment lächerlich, treuherzig, und trotzdem eine Überlegung wert. Martin Pfaffs «Orestie» spielt sich vor allem auf der Metaebene ab. Thema und Hauptfigur des Abends ist das Theater selbst, seine Wurzeln, seine Geschichte, sein Sinn und Zweck, wenn man so will: seine Systemrelevanz damals und heute, im Jahr zwei der Pandemie. Man könnte es als witziges Update anschauen, als Diskussionsgrundlage, als tragikomischen Akt der Selbstbehauptung in einer Welt, die andere Sorgen hat, schon immer hatte: Kriege über Kriege, Katastrophen, Menetekel wie den Klimawandel. Oder eben Covid-19. Ob Marcus Schäfer, Anja Tobler, Bruno Riedl oder Oliver Losehand solo, ob alle zusammen als antiker Chor, die Damen als Erinnyen –sie bieten immer eine tolle Show. Als solche ist die Orestie auch inszeniert, mitsamt «Applaus!»-Einblendung fürs Publikum, Talkelementen und kurzer Saalrunde: Da geht das Licht an für ein kurzes Empathietraining. Soll nun vor allem der Kopf aktiv werden oder darf die gute alte «Seelenwaschmaschine» der Katharsis in Gang kommen, soll Theater «reinigen» von Mordlust, Eifersucht, Kummer? Darf man lachen? «Die Orestie (revisited)» packt alles das in einen kurzen, kurzweiligen Abend. Und nährt die Hoffnung, dass das Theater noch in den nächsten paar tausend Jahren solche Fragen lebendig hält. Und unbeantwortet."
(St. Galler Tagblatt)

"Antike zum Davonlaufen. Davon bleiben wir dann aber verschont. In einem amüsanten Abstract hetzt das Ensemble zum Auftakt durch die Handlung, resümiert die Vorgeschichte (…). Das Tempo ist hoch, kein Wunder: In einer nächsten Szene erfahren wir, dass uns Heutigen schlicht die Zeit und der Nerv fehlen würde, acht Stunden Theater abzuhocken. Und dass nicht nur die individuelle, sondern auch die globale Uhr bedrohlich tickt. Oliver Losehand, gross in Fahrt, schimpft über die «Schauergeschichten» von Göttern und Rache und Schuld, wo in der wirklichen Welt doch gerade «die Sanduhr des nicht umgesetzten Pariser Klimaabkommens abläuft». Oder der «rechte Schwelbrand» die Demokratie bedroht. Die Gesellschaften zerrütten und die Werte bachab gehen. Drum also: kein Götterzeug, kein antikes Gut-Böse-Schema, sondern Dialektik. Theater als Sowohl-Als auch: «unfertig, ausufernd, schamlos, fordernd, wachmachend und verbindend». Das ist das ästhetische Programm, praktischerweise gleich auf der Bühne ausformuliert. (…) Weiter also, kurzweilige anderthalb Stunden lang im Wechsel zwischen Spiel- und Metaebene, Text und Songs und Stichworten auf dem Display. (…) In St. Gallen wird dafür, auch ein Verdienst, das antike Machogehabe feministisch vom Kopf auf die Füsse gestellt. Anja Tobler erzählt die Story kurz vor Schluss ein weiteres Mal, retour bis zum Iphigenie-Mord: als abschreckendes Lehrstück männlicher Herrschsucht auf Kosten der Frauen. Selbst noch die scheinbar unantastbare Kassandra erleide das typische Schicksal der Frauen, deren Perspektive lächerlich gemacht und ausgegrenzt wird."
(Saiten)

"Von den werkgetreuen Togen und Tuniken und dem gräzisierenden Tempelchen auf der Bühne sollte man sich nicht allzu sehr in die Irre führen lassen. Diese «Orestie» ist «revisited», was überarbeitet bedeutet, überschrieben. Aber auch nicht ganz. Doch der Reihe nach. (…) Anschaulich macht Pfaff in diesen farbigen Berichten von Menschenkönigen und Göttermännern in erster Linie die patriarchalen Strukturen und die damit verbundene Hybris. «Gibt es toxische Männlichkeit oder nur toxisches Arschloch-Sein?», fragt eine. (…) Wer wollen wir sein? Was fangen wir an mit unserer Zeit? Und vor allem: Kann Theater die Welt retten? «Ja! Wir hier retten die Welt!» Selten war das in so schöner Eindeutigkeit von einer Bühne herab zu hören. Und zum Schluss wendet Pfaff den antiken Stoff tatsächlich in eine Grundsatzerklärung, ein persönliches Plädoyer fürs Befragen, fürs sich Einschalten und sich neu Aufstellen: «Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt. Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen.» Was dann auch nicht durch Applausabnahme refiktionalisiert und neuerlich geframed wird. Die Spieler:innen gehen ab und bleiben draußen. In der Welt?"
(Theater heute)