"Durcheinandertal"

nach Friedrich Dürrenmatt

(Martin Pfaff)

Theater St. Gallen
Bühne: Claudia Rohner
Kostüme: Marion Steiner
Musik: Stefan Pinkernell
Darsteller: Birgit Bücker, Jessica Cuna, Diana Dengler, Christian Hettkamp, Boglárka Horváth, Kay Kysela, Oliver Losehand, Marcus Schäfer
Premiere: 6. Januar 2017

Die Welt ist aus den Fugen. Wir sehen: Ein Wimmelbild von durcheinander und gegeneinander laufenden Menschen. Ohne Sinn und Verstand. Es tobt der Krieg der Borniertheit, der Ängste, der Totschlagargumente, der Erlösungsideen, der Verachtung des Fremden, des Geldwertes. Als einziges verbindet alle Akteure absurderweise: die Sehnsucht nach Nähe und Frieden. Eine zärtliche Groteske über die Verletzlichkeit und die Einzigartigkeit aller Menschen, denen es so schwer fällt, zu leben und leben zu lassen.

"Pfaff steigert das Durcheinander der Vorlage noch, indem er in seiner Inszenierung die Männerrollen von Schauspielerinnen verkörpern lässt - und umgekehrt. So wird Elsi vom langen und bärtigen Markus Schäfer mit einer blonden Zopfperücke gespielt. Diana Dengler gibt facettenreich den Prediger Moses Melker als komisch verklemmten Eiferer und Biedermann, eine Figur, die zugleich lächerlich als auch unheimlich erscheint."
(sda)

"Im Theater St. Gallen kommt dieser helvetische Zerrspiegel nun auf die Bühne. Jonas Knecht kann eine weitere Uraufführung ankündigen oder soll man sagen, eine Urbeunruhigung? Was die Regie von Martin Pfaff mit einem beanspruchten Ensemble vorlegt, ist nachhaltig beklemmend. () Das wirkt bedrohlich in seiner Aktualität und beängstigend in seiner Opulenz. () Theologie, Kriminologie, der Kampf zwischen Glauben und Wissen."
(NZZ)

"Die Kritik nahm Friedrich Dürrenmatts letzten Roman «Durcheinandertal» ungnädig auf. Die erstmalige Inszenierung am Theater St. Gallen legt seinen visionären Charakter offen. In Dürrenmatts «Durcheinandertal» ist vieles auf Klamauk angelegt. Regisseur Martin Pfaff, der den Roman für die Bühne selbst adaptiert hat, lässt den Witzen durchaus ihren Raum. () Unübertroffen bleibt die Figur von Moses Melker, den Diana Dengler als bigotten, lüsternen Buchhalter im roten Pullunder gibt, wie es überhaupt zum Durcheinander beiträgt, dass hier Männer die Frauen und umgekehrt Frauen die Männer spielen. () Das «Durcheinandertal» ist aber weit mehr als Klamauk. War Dürrenmatts Vision für die KritikerInnen 1989 noch unverständlich, so wirkt sie heute als Stück wie ein melancholischer Rückblick auf die Geschichte der Schweiz in den letzten 25 Jahren. Oder, etwas abstrakter, auf die Geschichte der Globalisierung mit Ungleichheit und Finanzkrise als Folgen. Das vorherrschende Gefühl der Figuren im «Durcheinandertal», nicht Teil der Handlung, sondern dieser ausgeliefert zu sein, kommt einem jedenfalls bekannt vor. Ebenso der feige Schluss der meisten, nur auf das eigene Money zu schauen."
(WOZ)

"Am Theater St. Gallen kann man Dürrenmatt neu entdecken: Dessen Roman «Durcheinandertal» wird zum schrillen Antimärchen. Es gibt viel zu lachen. Und man kriegt eine Publikumsbeschimpfung."
(Luzerner Zeitung)

"Die Antwort sucht man als Zuschauer auch noch am Tag danach hin- und hergerissen. Ist das jetzt meisterlich facettenreich oder ziellos überdreht, was Regisseur Martin Pfaff und seine wandlungsfähige Spielertruppe aus dem Roman macht? Das Personal ist schrill und phasenweise unübersichtlich, es gibt Kinoanspielungen (etwa Matrix), Song-Referenzen (etwa Tom Waits), man unterhält sich bestens und vermisst zugleich die inhaltliche Schärfe. Wie in Dürrenmatts Original ist auch nach diesem Abend wenig gesichert. () Da blitzt Dürrenmatts rabiate Zeitkritik auf, sein grandioses Gelächter über Politik, Justiz, Bürokratie und menschliche Dummheit. Es findet den Höhepunkt in der Wutrede der Witwe Hungerbühler (Szenenapplaus für Oliver Losehand): ein Text zwar nicht von Dürrenmatt, aber für heute in seinem Geist geschrieben, eine Polterei gegen Individualismus und Gemeinschaftsverlust und Terrorangst und postfaktische Verdrehungen und gleich noch eine wüste Abrechnung mit genderpolitischer correctness à la «Sternchen*innen»: ausgerechnet in einem Stück, das die Geschlechterverhältnisse so konsequent auf den Kopf stellt. "
(Saiten)

"Ab und zu lässt man es sich als Theaterpublikum gerne gefallen, von der Bühne aus beschimpft zu werden. Damit man auch ja merkt, dass man mitgemeint ist. Dass die grotesken Verrenkungen und Verkleidungen auf der Bühne kein leeres Theatergeklimper sind, sondern unsere verdrängten Wahrheiten. Ja gut, schließlich fühlt man sich als Schweizer immer zu Recht als besonderes Ziel von Dürrenmatts grandiosen, tiefernsten Spässen. «Was seid ihr faul, vertrottelt», hören wir da. «Was wart ihr doch einmal für tolle Kerle. Habt die Österreicher vermöbelt... Das Kurhaus hat euch korrumpiert. Predigt den Segen einer stinkreichen Gesellschaft. () Martin Pfaff hat daraus ein schrilles Erzähltheater gemacht und die Unübersichtlichkeit noch gesteigert, indem er die Rollen geschlechtervertauscht spielen lässt. [...] Die vielen Schauplätze des Romans sind wunderbar komprimiert: Bühnenbildnerin Claudia Rohner hat einen riesigen, drehbaren Origami-Hund auf die Bühne gestellt: dessen Bauch mit Kristallleuchter zum Kurhaus, dann zur Projektionsfläche von Elsis erotischen Phantasien wird."
(Ostschweiz am Sonntag)

"Gleichwohl vermag [Pfaff] es, die Inszenierung mit Witz und Ironie in die Groteske zu treiben, die mit schnellen Zeit- und Maßstabssprüngen, Perspektiv- und Rollenwechslen eine spielerische, zuweilen auch surreale Komik gewinnt (...) - keine Inszenierung mit einvernehmlichem Humor. Stattdessen ein kruder, zwiespältiger Abend in St. Gallen. Das widerspiegelt sich auch im Zuschauerverhalten. Während das Dürrenmatt-kundige, ältere Publikum reserviert und stellenweise auch irritiert dem Treiben zuschaut, pulverisiert die Jugend zunehmend den riesigen Zuschauersaal und macht ihn zum eigenen Resonanzraum."
(Theater der Zeit)